Apropos: Ratschläge

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Foto: Sven Iwertowski, Redaktionsleiter

Es heißt, der Weg zur Hölle sei mit guten Vorsätzen gepflastert. Nun kam ich noch nicht dazu, es selbst zu prüfen, aber ich bin mir sicher: Die Fugenmasse dazwischen sind die Ratschläge, die man kenntnisfrei äußert. Ich habe mal eine Betonkante im Parkhaus übersehen und mir eine Delle in den Wagen gefahren. Mein Beifahrer gab mir daraufhin den guten Ratschlag: „Du mußt aufpassen!“ Nicht nur, dass ich das schon vorher ohne Erfolg probiert habe, jetzt aufzupassen bügelte mir auch nicht die Delle glatt.

Ganz ähnlich läuft es in der Politik: Die Bürger werden aufgefordert, weniger zu heizen – in einer Zeit, in der manche schon längst die Heizung über Winter auslassen. Vor ein paar Monaten gab es noch den Tipp, einfach auf eine oder zwei Urlaubsreisen „für das Klima“ zu verzichten. Der Evergreen ist bei diesem Muster die Rente – man solle privat etwas für das Alter zurücklegen, und ein guter Teil der Bevölkerung dreht den Groschen dann vier Mal statt zwei Mal um.

Das ist in meinen Augen gelebte Hilflosigkeit: Solche wohlmeinenden Scheinlösungen haben keinen realen Effekt, aber sie entlasten davon, eine wirkliche Lösung finden zu müssen. Man hat ja getan, was man konnte, nun muss eben der Geschädigte selbst handeln. Ich hege zumindest meinem Beifahrer gegenüber keinen Groll: Er hat ja nichts, aber auch gar nichts mehr tun können.
Bei Entscheidungsträgern sinne ich noch. Und habe jetzt auch keinen Ratschlag.

von Sven Iwertowski,
Redaktionsleiter

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