„Dieser Krieg ist Wahnsinn“

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Es ist ein trüber, verregneter Tag in Bad König. Die Küchensitzecke im provisorischen Wohnzimmer ist mit einer Schreibtischlampe spärlich beleuchtet, an den kahlen Wänden entlang stehen geöffnete Kisten mit Windeln und Lebensmitteln, an der Tür ein Kinderwagen und ein Babykorb. Möbel gibt es bis auf die Sitzecke und dem Tisch nicht.

Igor (43) ist trotz des schlechten Wetters eine halbe Stunde spazieren gegangen. Vor ein paar Stunden hat er erfahren, dass einer seiner besten Freunde an der ukrainischen Front bei einem Feuergefecht gestorben ist.

Aber er und seine Familie sind in Sicherheit nach einer einwöchigen Odyssee von Bzovary, zehn Kilometer von Kiew entfernt, in den Odenwald, mit einem geliehenen Auto, einem Reisebus und zuletzt mit der Bahn.

Igor hatte Glück: er konnte die Grenze von der Ukraine nach Ungarn passieren, obwohl er im wehrfähigen Alter ist. „Wegen meiner vier Kinder durfte ich meine Frau begleiten“, tönt es als Antwort über die Handy-App, die sein Ukrainisch ins Deutsche übersetzt. Er sei froh, nicht im Krieg um sein Leben bangen zu müssen, dennoch plage ihn ein großes Schuldgefühl, weil er nicht mit seinen Landsleuten gegen die Russen kämpft.

In seinem Heimatort hat der diplomierte Koch als Bauunternehmer gearbeitet. Über einen Job für ein Kimbacher Ehepaar, das sich von ihm ein Haus in der Ukraine bauen ließ, hatte er Kontakt nach Deutschland. Seine ehemaligen Arbeitgeber boten ihm in Bad König eine Bleibe an, der vierfache Vater zögerte nicht lange und packte die Taschen, als die Bomben und Geschosse näher kamen.

Auf die beschwerliche Reise mitgenommen hat er auch seine Mutter und seine demente 85-jährige Oma. Die Seniorin läuft in diesem Moment ins Wohnzimmer, spricht etwas vor sich hin und geht wieder in den Flur. „Gerade für sie und meine Kinder ist das ein Schock“, sagt Igor. „Es ist alles neu: die Sprache, das Land, die Bleibe“, ergänzt Natali (34), eine Freundin der Familie, die sich mit ihrem zehn Monate alten Baby auf die Flucht begab. „Ich bin im vierten Monat schwanger, aber mein Mann musste in der Ukraine bleiben.“ Ob er sein zweites Kind jemals sehen werde, wisse niemand, sagt Natali, und ringt um Fassung.

Igor hänge den ganzen Tag am Handy, um die Nachrichten zu verfolgen und mit Freunden zu schreiben. Gerade erst vor dem Interview habe er erfahren, dass ein Nachbar mit Frau und einem Baby von Russen ermordet wurden. Frauen würden vergewaltigt, Menschen auf der Flucht erschossen.

Inwieweit das den Tatsachen entspricht, lässt sich nicht prüfen, aber es nimmt ihn sichtlich mit. Kurz streicht sich Igor über die Augen und spricht dann in die Übersetzer-App auf dem Handy: „Wir Ukrainer sind so friedvolle, genügsame Menschen, wir wollen nur Frieden. Dieser Krieg ist Wahnsinn.“

Die Hilfsbereitschaft für seine Familie und Natali sei enorm. Manfred, Michaela, Freunde Igors, die er vor Kurzem kennengelernt hat, und Kurt Neal vom Verein Herzenssache Odenwald hätten sich um alles gekümmert.

Babysachen, Spielzeug, Betten, Kleidung, einen Kinderwagen und ausreichend Verpflegung haben die Helfer besorgt, am Dienstag kamen Fahrräder dazu, damit die Familie zum Supermarkt, Igors Kinder zur Schule kommen. Sie sind am gleichen Tag für den Unterricht angemeldet worden, dank ihres guten Schulenglischs werden zumindest die beiden Ältesten besser als ihre Eltern zurechtkommen.

Schnellstmöglich wollen alle die deutsche Sprache lernen, Kurse belegen, auch wenn sie hoffen, bald wieder in ihr frisch renoviertes Haus in Bzovary zurückkehren zu können. Kurt Neal sieht es pessimistischer, womöglich realistischer: „Es könnte ein Jahr und länger dauern, bis sie ihr hoffentlich nicht ausgebombtes Haus wiedersehen. Aber gut, dass ihnen das noch nicht bewusst ist.“ Irina, Igors Ehefrau, sei das erste Mal seit Tagen nicht betäubt mit Beruhigungsmitteln, doch psychologische Hilfe fehle. Dazu komme noch die Sprachbarriere.

Es klingelt. Der städtische, ehrenamtliche Flüchtlingshelfer Frank Schoenmaker tritt ein. Er hat viele Dokumente dabei, die er Igor noch erklären muss. Vorerst gehe es darum, der Familie finanzielle Unterstützung zu organisieren, denn bisher überleben sie nur mit Spenden und Nahrungsmitteln der Tafel, sagt Schoenmaker. Ein Metzger um die Ecke versorgt die Familien unentgeltlich mit Wurst und Fleisch.

Das Landratsamt des Odenwaldkreises kann nicht sagen, wie lange es dauern wird, bis die Anträge bewilligt werden, umso mehr weiß Igor zu schätzen, was die Helfer tun. Nicht nur er und Natali bedanken sich mehrfach für die Unterstützung. „Ohne Eure Hilfe hätten wir keine Chance“, sagt Natali. Dann geht es zum Transporter, um die gespendeten Fahrräder von Herzenssache Odenwald auszuladen. Es regnet immer noch. Als sich Kurt Neal verabschiedet, gibt ihm Igor erst die Hand und umarmt ihn dann.

„Дуже дякую“, vielen Dank, sagt Igor und geht wieder ins Haus, um sogleich die neuesten Nachrichten seiner ukrainischen Freunde abzuwarten. Sandra Breunig

Unterstützung für die Herzenssache Odenwald und die ukrainischen Flüchtenden

Kontoinhaber:    Herzenssache Odenwald e.V.

Kreditinstitut:     Sparkasse Odenwaldkreis

IBAN:                 DE54 5085 1952 0180 119125

Verwendungszweck: Spende

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