1. Was sind die drei wichtigsten Projekte, die Sie im Rathaus anpacken würden – trotz der angespannten Haushaltslage?
Gerade aufgrund der angespannten finanziellen Lage müssen wir unsere Projekte so ausrichten, dass sie die finanzielle Situation der Gemeinde langfristig verbessern oder zumindest nicht zusätzlich belasten.
Erstens möchte ich die Entwicklung eines neuen Gewerbegebietes vorantreiben. Dort können neue Arbeitsplätze entstehen, die zusätzliche Einkommensteueranteile und Gewerbesteuereinnahmen für unsere Gemeinde bringen. Diese Einnahmen schaffen langfristig die Möglichkeit, wieder stärker in unsere Infrastruktur, unsere Feuerwehren sowie die Wasser- und Abwasserversorgung zu investieren.
Zweitens möchte ich unsere Ortsteile stärken. Die Ortsbeiräte leisten wichtige Arbeit und kennen die Bedürfnisse vor Ort oft am besten. Deshalb setze ich mich für eigene Ortsbeiratsbudgets ein. Mein Vorschlag sind 1.000 Euro je Ortsbeirat sowie zusätzlich 1 Euro pro Einwohner im jeweiligen Ortsteil. Finanziert werden soll dies unter anderem durch den Verzicht auf einen Bürgermeisterdienstwagen. So erhalten die Ortsbeiräte mehr Handlungsspielraum für kleinere Maßnahmen direkt vor Ort.
Drittens möchte ich die Sicherheit im öffentlichen Raum verbessern. Gemeinsam mit unseren Nachbarkommunen setze ich mich für eine personelle Stärkung des Ordnungsbehördenbezirks und moderne technische Ausstattung ein. Besonders wichtig sind mir dabei mehr Möglichkeiten zur mobilen Geschwindigkeitsüberwachung, da dieses Thema in vielen Gesprächen mit Bürgerinnen und Bürgern sowie Ortsbeiräten angesprochen wird.
2. Thema Gewerbe: Wie wollen Sie das Einkaufen in Reichelsheim und seinen Ortsteilen attraktiver machen?
Die Gemeinde kann gute Rahmenbedingungen schaffen und ein verlässlicher Partner für unsere Betriebe sein.
Ich möchte deshalb einen regelmäßigen Unternehmerstammtisch etablieren, um frühzeitig zu erkennen, wo Unterstützung benötigt wird.
Mein Anspruch ist eine Verwaltung mit Ermöglichungskultur: Wenn Unternehmen investieren, erweitern oder sich neu ansiedeln möchten, sollten wir Lösungen suchen und nicht zusätzliche Hürden aufbauen.
Zudem sollen Leerstände systematisch erfasst und vermarktet werden. Wichtig ist auch die Sicherung unserer Kaufkraft. Wer Arbeitsplätze vor Ort schafft, sorgt gleichzeitig dafür, dass Menschen vor Ort einkaufen und unsere Betriebe stärken. Deshalb gehören für mich Wirtschaftsförderung, Einzelhandel und die Entwicklung eines neuen Gewerbegebietes unmittelbar zusammen.
Gemeinsam mit unseren örtlichen Direktvermarktern kann ich mir zudem einen regelmäßigen Markt vorstellen. Damit stärken wir regionale Produkte, schaffen zusätzliche Angebote und beleben unseren Ortskern.
Auch die Ortsteile dürfen wir dabei nicht aus dem Blick verlieren. Gerade im ländlichen Raum sind kurze Wege und eine wohnortnahe Versorgung wichtig. Deshalb möchte ich gemeinsam mit unseren Betrieben und Direktvermarktern prüfen, wie mobile oder dezentrale Angebote künftig in die Ortsteile gebracht werden können.
3. In Reichelsheim arbeiten vier Ärzte, die jeweils über 60 Jahre alt sind. Wie wollen Sie deren Nachfolge sichern, um die medizinische Versorgung der Gemeinde auch in Zukunft zu gewährleisten?
Die medizinische Versorgung in Reichelsheim ist ein wichtiges Thema für alle Generationen.
Gleichzeitig ist es wichtig klarzustellen, dass die Gemeinde nicht für die Vergabe von Arztsitzen oder die Zulassung von Ärztinnen und Ärzten zuständig ist. Diese Aufgabe liegt bei der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen (KV Hessen), die gemeinsam mit den Krankenkassen die ambulante Versorgung plant und organisiert.
Dennoch kann und sollte eine Gemeinde ihren Beitrag leisten. Aus meiner Sicht darf man nicht erst handeln, wenn eine Praxis bereits geschlossen wird oder ein Versorgungsengpass droht. Vielmehr müssen wir frühzeitig den Kontakt zu unseren niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten suchen, um geplante Praxisaufgaben oder Nachfolgeregelungen rechtzeitig zu erkennen und gemeinsam Lösungen zu entwickeln.
Die Gemeinde kann dabei unterstützend tätig werden, etwa durch die Vermittlung von Kontakten, die Begleitung von Praxisnachfolgen, die Unterstützung bei der Suche nach geeigneten Praxisräumen oder Wohnraum sowie durch die enge Zusammenarbeit mit der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen und weiteren Partnern im Gesundheitswesen.
Unser Ziel muss sein, die medizinische Versorgung in Reichelsheim langfristig zu sichern und mögliche Herausforderungen frühzeitig anzugehen, bevor daraus Versorgungsprobleme entstehen.
4. Wie kann man das Areal der ehemaligen Göttmann-Klinik sinnvoll und effizient nutzen?
Zunächst müssen wir ehrlich sagen: Zum jetzigen Zeitpunkt kann niemand seriös beantworten, welche Nutzung dort tatsächlich wirtschaftlich und rechtlich umsetzbar ist.
Das Gelände ist bauplanungsrechtlich als Sondergebiet „Klinik“ festgesetzt. Für eine grundlegende Nutzungsänderung wären umfangreiche Prüfungen und ein vollständiges Bauleitplanverfahren erforderlich. Hinzu kommen Fragen des Naturschutzes, der Erschließung, möglicher Schadstoffbelastungen sowie der wirtschaftlichen Tragfähigkeit eines Projekts.
Bis heute liegt kein belastbares Gesamtkonzept vor, das die tatsächlichen Rückbaukosten, mögliche Entsorgungsaufwendungen, die Finanzierung sowie die spätere Nutzung nachvollziehbar darstellt.
Deshalb halte ich wenig davon, heute bereits konkrete Nutzungen zu versprechen.
Erst wenn belastbare Zahlen, Gutachten und ein tragfähiges Nutzungskonzept vorliegen, kann die Gemeinde im Rahmen ihrer Planungshoheit verantwortungsvoll entscheiden, welche Entwicklung für Reichelsheim langfristig sinnvoll ist.
Gerade in der aktuellen Haushaltslage dürfen wir keine Erwartungen wecken, die am Ende rechtlich, wirtschaftlich oder tatsächlich nicht umsetzbar sind.
5. Warum sind genau Sie – und nicht Ihre drei Mitbewerber – der richtige Bürgermeister für die kommenden Jahre?
Der Bürgermeister einer Kommune unserer Größe ist heute weit mehr als ein Repräsentant. Er ist zugleich Verwaltungschef, Personalverantwortlicher, Krisenmanager und häufig auch der erste Sachbearbeiter in komplexen finanziellen, organisatorischen und rechtlichen Fragestellungen.
Gerade in Zeiten angespannter Haushalte, steigender Anforderungen und knapper personeller Ressourcen braucht es jemanden, der diese Zusammenhänge kennt und sicher beurteilen kann.
Ich habe öffentliche Verwaltung studiert, bin seit fast vier Jahren Verwaltungsleiter der Gemeinde Reichelsheim und trage Arbeitgeberverantwortung für rund 150 Mitarbeitende. Die laufenden Projekte, die Organisation der Verwaltung, die finanziellen Herausforderungen und die rechtlichen Rahmenbedingungen unserer Gemeinde sind mir daher bestens vertraut.
Aus meiner Sicht braucht Reichelsheim einen Bürgermeister, der ohne Einarbeitungszeit die Amtsgeschäfte übernehmen kann, Verantwortung trägt und vom ersten Tag an handlungsfähig ist.

