Jodtabletten gegen radioaktive Strahlung: Experten warnen vor Panikkäufen

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Auch im Odenwald machen sich viele Menschen nicht zuletzt wegen des Angriffs auf das ukrainische Atomkraftwerk Saporischschja Sorgen: Was ist, wenn es im Reaktor doch noch einen Supergau gibt oder russische Atombomben gezündet werden, und eine radioaktive Wolke gen Deutschland zieht? Wie schütze ich mich und meine Familie?

Einige wollen sich bereits jetzt gegen das schlimmste Szenario wappnen und fragen in den Apotheken vermehrt nach freiverkäuflichem Kaliumiodid in Form von Jodtabletten nach, weiß Dr. Detlef Eichberg, promovierter Naturwissenschaftler und Inhaber einer Apotheke in Lützelbach.

Aber: „Nicht nur Apotheker raten von der selbständigen Einnahme von hochdosierten Jodtabletten, um sich vor einer vermeintlichen Belastung mit radioaktivem Jod zu schützen, dringend ab“, sagt Prof. Dr. Martin Schulz, Vorsitzender der Arzneimittelkommission der Deutschen Apotheker (AMK).

Schilddrüse gefährdet
Atomare Strahlung infolge von Kernkraft-Unfällen – etwa ehemals in Tschernobyl oder Fukushima – oder gar feindlicher Beschuss mit atomaren Sprengköpfen führt unter anderem zu einer Freisetzung von radioaktivem Jod. „Dies lagert sich bevorzugt in die Schilddrüse ein und begünstigt auf diesem Wege die Entstehung von Krebserkrankungen“, sagt Dr. Detlef Eichberg.

„Nach der Freisetzung von radioaktivem Jod soll die Einnahme von nicht radioaktivem Kaliumiodid das radioaktive Jod aus der Schilddrüse ‚verdrängen‘ beziehungsweise die Einlagerung ‚versperren‘.“ Daher werde bei atomaren Unfällen oder Angriffen zur Einnahme von Kaliumiodid aufgerufen. „Dies macht jedoch auf Verdacht keinen Sinn, da die Verbindung schnell vom Organismus wieder ausgeschieden wird“, so Eichberg.

Millionen Jodtabletten auf Lager
Die für den Katastrophenschutz zuständigen Behörden haben 189,5 Millionen hochdosierte Kaliumiodidtabletten bevorratet, um diese bei Bedarf an die Bevölkerung auszugeben. „Die Tabletten dürfen aber erst nach Aufforderung durch die Behörden eingenommen werden“, sagt Prof. Dr. Martin Schulz. Dabei schützt die Einnahme von Jodtabletten ausschließlich vor der Aufnahme von radioaktivem Jod in die Schilddrüse, nicht vor der Wirkung anderer radioaktiver Stoffe, wie etwa Caesium 137, Strontium 90 oder Plutonium.

Dr. Detlef Eichberg warnt: Eine Fehl- oder Überdosierung habe nicht unerhebliche Risiken. „Im Beipackzettel wird von einer Einnahme bei Personen über 40 Jahren abgeraten, da erfahrungsgemäß eine cancerogene (heißt krebsauslösende) Entwicklung in der Schilddrüse in diesem Alter eher selten ist und zudem eine derartig hohe Zufuhr von Jod den gesamten Haushalt an Schilddrüsen-Hormone empfindlich durcheinanderbringen kann.“

Erhebliche Nebenwirkungen
Dies wirke sich negativ auf den Energiehaushalt und andere Stoffwechselbereiche sowie vor allem auch auf die Psyche aus. Apotheker Mathias Eichberg, Sohn von Dr. Detlef Eichberg, ergänzt: „Die Risiken sind unkalkulierbar.“ Denn: Eine Dosierung von 100 Milligramm, die jeder in der Apotheke erwerben kann, übersteige den täglichen Bedarf an Jod, das sonst über die Nahrung, etwa über Salz oder Fisch, aufgenommen wird, um das Tausendfache.

Viele wüssten nicht, dass ihre Schilddrüse hohe Dosen nicht verträgt, so Mathias Eichberg. Durch die Überdosierung könne eine Hyperthyreose, eine Schilddrüsenüberfunktion, ausgelöst werden, die sogar lebensgefährlich sein kann. „Die Einnahme darf auf keinen Fall auf eigene Faust, sondern nur unter ärztlicher Aufsicht erfolgen.“

Beratung gegen Unsicherheit
Auch in der Lützelbacher Apotheke begegnen die Mitarbeiter den zunehmenden Panikkäufen mit umfassender Beratung, um den Kunden die Unsicherheit zu nehmen. Prof. Dr. Martin Schulz von der Arzneimittelkommission der Deutschen Apotheker (AMK) betont: „Derzeit gibt es in Deutschland keine rationale Begründung für die Einnahme hochdosierter Jod-Präparate aufgrund der Situation in der Ukraine.“ Sandra Breunig

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