Kurven-Kick mit Risiko: Auf mehreren Odenwälder Straßen liegen Fahrspaß und Gefahr dicht beieinander. Bild von azerbaijan_stockers auf Magnific

Odenwaldkreis. Der Odenwaldkreis ist ein Paradies für Motorradfahrer. Kurven, Wälder, Steigungen und Gefälle machen viele seiner Straßen zum Traumrevier für das Fahren auf zwei Rädern. Doch der Traum hat eine gefährliche Kehrseite: Immer wieder werden beliebte Motorradstrecken zu Schauplätzen schwerer Unfälle, überhöhten Tempos und riskanter Manöver. Dazu kommt der Lärm, der Anwohnern besonders an schönen Tagen die Ruhe raubt. Wer jetzt nur an den berüchtigten Krähberg denkt, irrt. Die Problemzonen ziehen sich durch weite Teile des Kreises.

Der Krähberg bleibt allerdings der bekannteste Brennpunkt. Die L 3108 zwischen Hetzbach, Reußenkreuz und Schöllenbach lockt Motorradfahrer weit über die Kreisgrenzen hinaus an. Elf Motorradunfälle wurden dort allein in der laufenden Saison gezählt, fünf Biker erlitten dabei zum Teil schwere Verletzungen. Als häufigste Ursache nennt die Polizei nicht angepasstes Tempo. Besonders auffällig: Sämtliche dort verunglückten Motorradfahrer kamen von außerhalb des Odenwaldkreises. Und manche reizen die Strecke bis zum Äußersten aus. Bei einer Kontrolle Ende September raste ein Motorradfahrer mit 129 statt der erlaubten 70 Stundenkilometern über die L 3108. Fünf Biker wurden wegen zu hohen Tempos gestoppt, fünf weitere hatten trotz Verbots überholt.

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Dabei ist der Krähberg längst kein rechtsfreier Raum. An Wochenenden und Feiertagen gilt während der Motorradsaison ein Durchfahrtsverbot, die Geschwindigkeit ist begrenzt, Überholverbote und bauliche Sicherungsmaßnahmen sollen das Risiko senken. Die Polizei kontrolliert regelmäßig. Trotzdem werden selbst die Sperren missachtet: Bei einer Kontrolle Anfang Mai erwischten die Beamten innerhalb nur einer Stunde neun Motorradfahrer, die trotz Durchfahrtsverbots auf der Strecke unterwegs waren.

Doch der Blick auf den Krähberg allein greift viel zu kurz. Der amtliche Lärmaktionsplan nennt im Odenwaldkreis eine ganze Reihe von Straßen, die bei Motorradfahrern besonders beliebt sind und auf denen die Belastung durch Motorradlärm eine Rolle spielt. Neben der L 3108 von Hetzbach über Schöllenbach bis Kailbach sind dies die B 45 zwischen Gammelsbach und Hetzbach, die L 3120 von Beerfelden über Airlenbach nach Olfen, die L 3410 von Beerfelden über Rothenberg nach Kortelshütte, die B 460 zwischen Hiltersklingen und Hüttenthal, die L 3260 von Hüttenthal über Unter-Mossau nach Ober-Mossau, die B 47 zwischen Gersprenz und Hutzwiese, die K 51 von Unter-Ostern über Rohrbach nach Ober-Mossau, die L 3106 zwischen Brensbach und Höllerbach, die Strecke von Brensbach über Böllstein zur B 47 auf den Kreisstraßen K 82, K 88 und K 211, die B 47 zwischen Michelstadt und Dorf-Erbach sowie die L 3413 zwischen Hainstadt und Wald-Amorbach. Damit geraten Motorradverkehr und seine Folgen keineswegs nur am Krähberg in den Fokus – die besonders betroffenen Strecken verteilen sich über weite Teile des Odenwaldkreises.

Wie schnell aus einer schönen Ausfahrt eine Katastrophe werden kann, zeigte sich erst vor wenigen Wochen auf der L 3410 zwischen Beerfelden und Rothenberg. Dort verlor ein 52 Jahre alter Motorradfahrer bei einem Überholmanöver die Kontrolle über seine Maschine und prallte mit einem entgegenkommenden Auto zusammen. Der Mann starb noch an der Unfallstelle. Auch in Mossautal gab es in diesem Sommer einen tödlichen Motorradunfall: Auf der K 47 zwischen Olfen und Güttersbach kam ein 26-Jähriger mit seiner Maschine in einer Linkskurve von der Fahrbahn ab. Für ihn kam jede Hilfe zu spät, seine Mitfahrerin wurde schwer verletzt mit dem Rettungshubschrauber in eine Klinik gebracht.

Weitere Strecken zeigen, wie vielfältig die Gefahr ist. Auf der L 3260 zwischen Hüttenthal und Mossautal wurde im Juli ein 24 Jahre alter Biker bei der Kollision mit einem Reh schwerst verletzt. Auf der B 47 zwischen Gersprenz und Hutzwiese verlor Anfang September ein 18-Jähriger in einer scharfen Kurve die Haftung, rutschte über die Gegenfahrbahn und landete im Straßengraben. Auch er musste mit dem Rettungshubschrauber in eine Klinik geflogen werden.

Die Zahlen zeigen, dass es sich nicht um ein Randproblem handelt. Im vergangenen Jahr registrierte die Polizei im Odenwaldkreis 105 Unfälle mit Beteiligung motorisierter Zweiräder. 84 Menschen verunglückten, 22 von ihnen schwer, zwei starben. Besonders alarmierend: Bei 47 dieser Unfälle spielte Geschwindigkeit als Unfallursache eine Rolle – deutlich häufiger als im Jahr zuvor.

Natürlich ist nicht jeder Motorradfahrer ein Raser. Tausende genießen die kurvenreichen Straßen, ohne Anwohner zu terrorisieren oder andere Verkehrsteilnehmer in Gefahr zu bringen. Gerade deshalb darf eine Minderheit nicht das Bild einer ganzen Szene bestimmen. Für Biker gilt: Die schönste Kurve ist nichts wert, wenn sie im Krankenhaus endet. Und für Autofahrer, Radfahrer und Fußgänger gilt auf den beliebten Motorradstrecken besondere Aufmerksamkeit. Denn auf den Straßen des Odenwaldkreises können wenige Sekunden, ein riskantes Überholmanöver oder ein zu schneller Griff am Gas über Leben und Tod entscheiden. Aleksandar Kerošević

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