Widerstand lohnt sich: So hätte das Bergfeld nach dem Bau der Solar-Großanlage aussehen können. Foto: Norbert Ziegler

Breuberg-Wald-Amorbach. Wald-Amorbach ist der kleinste Stadtteil Breubergs – und seit Wochen Schauplatz einer höchst emotionalen Debatte. Was als „erste Idee“ begann, hat viele Einwohner aufgeschreckt: der ursprünglich geplante Bau einer Freiflächen-Photovoltaik-Anlage auf dem sogenannten Bergfeld, der „Lichtung“ oberhalb des Ortes. Aus Sicht vieler Bürger hätte dieses Projekt nicht weniger bedeutet als einen tiefgreifenden Einschnitt in Landschaft, Naherholung und gewachsene Strukturen.

Konkret ging es um eine Anlage von gewaltiger Dimension: rund 25 Hektar Fläche, fast vollständig auf bislang landwirtschaftlich genutztem Gelände, 49.077 Solarmodule, eine Leistung von 30,2 Megawattpeak. Umzäunt werden sollte das Areal auf einer Länge von 5,1 Kilometern. Damit wäre die Anlage nicht nur die größte Freiflächen-PV-Anlage im Odenwaldkreis gewesen, sondern auch größer als alle vergleichbaren Projekte in der angrenzenden Region – einschließlich Unterfrankens. Zum Vergleich: Die bislang größte Anlage im Odenwaldkreis misst gut zwölf Hektar (Lützelbach), die größte in Unterfranken rund 16 Hektar (Mömlingen).

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Für viele Wald-Amorbacher war spätestens hier eine Grenze überschritten. Norbert Ziegler, Einwohner des Stadtteils und ein engagierter Kritiker des Projekts, bringt es deutlich auf den Punkt: „Die Anlage wäre größer als die gesamte bebaute Fläche unseres Stadtteils.“ Wald-Amorbach selbst umfasst rund 16,85 Hektar – weniger als das geplante Solarfeld.

Besonders schwer wiegt für viele Bürger der Verlust eines zentralen Naherholungsgebiets. Das Bergfeld gilt als sonnigster Freiraum des Stadtteils, mit Spazierwegen, Blickachsen in Richtung Spessart und Maintal und einer viel genutzten Sitzbank am oberen Rand der Fläche. All das wäre mit dem Bau der Anlage verschwunden. „Praktisch die ganze landwirtschaftlich genutzte Fläche unserer Lichtung würde zugebaut“, schreibt Ziegler in einem Brief an unsere Redaktion. Die Wege zum Aussichtspunkt wären durch den Zaun nicht mehr zugänglich gewesen, Spaziergänge nur noch entlang von Zaun und Waldrand möglich.

Der erste direkte Kontakt der Bürgerschaft mit den Plänen fand am 29. November statt. Auf Einladung des Umwelt- und Landwirtschaftsausschusses der Stadt Breuberg traf man sich zu einer Begehung vor Ort. Die Reaktionen beschreibt Ziegler rückblickend so: „Die meisten Besucher waren nicht grundsätzlich gegen PV-Anlagen. Aber als gesagt wurde, dass in der Machbarkeitsstudie von Wald zu Wald geplant ist, war erst einmal Stille – eine Art Schockstarre.“ Die Dimension der Fläche haben viele erst in diesem Moment realisiert.

Hinzu kamen ökologische Bedenken, die Ziegler durch einen fachlichen Vortrag zusätzlich bestätigt sieht. Am 15. Januar besuchte er eine NABU-Veranstaltung in Michelstadt, bei der der Ornithologe Dr. Achim Zedler über Solarfreiflächenanlagen sprach. Dessen Fazit widersprach der oft gehörten Annahme einer automatischen ökologischen Aufwertung. „Nach dem Bau haben eher weniger Vögel dort genistet“, so Ziegler. Feldvögel wie Lerchen benötigten freie Sicht – genau diese werde durch Modulreihen genommen. Auch die häufig angeführte Schafbeweidung relativierte ein Praxisbericht: Ein Schäfer aus dem Odenwald berichtete, dass er inzwischen zufüttern müsse, weil „die Vegetation unter den Anlagen verarmt und dort vor allem Brennnesseln wachsen“.

Ziegler verweist zudem auf Studien, die das grundsätzliche Flächenargument infrage stellen. Eine Überblicksstudie von Ökotest kommt zu dem Schluss, dass der notwendige Ausbau der Photovoltaik bis 2040 vollständig auf vorbelasteten Flächen – etwa Parkplätzen, Gewerbegebieten oder Randstreifen – erfolgen sollte. Benachteiligte landwirtschaftliche Flächen müssten, wenn überhaupt, nur in sehr geringem Umfang in Anspruch genommen werden“, zitiert Ziegler daraus.

Trotz der wachsenden Kritik betont er ausdrücklich, dass er der Stadt Breuberg keine undemokratischen Methoden vorwirft. „Es war eher ein Kommunikationsproblem“, sagt er. Zwar habe die Machbarkeitsstudie der Firma GAIA mit Zeitplänen und technischen Details den Eindruck erweckt, das Projekt sei bereits beschlossen, politisch sei jedoch mehrfach klargestellt worden, dass es sich lediglich um eine erste Idee handele. Auch die Eigentümer der betroffenen Flächen seien zu diesem Zeitpunkt noch nicht kontaktiert worden.

Die Dynamik erreichte am 26. Januar ihren vorläufigen Höhepunkt. In der Begegnungsstätte Wald-Amorbach fand eine privat organisierte Diskussionsrunde statt, an der – trotz extremen Schneefalls – fast 40 Bürger teilnahmen. Der Raum war überfüllt. Anwesend waren auch Bürgermeisterin Deirdre Heckler sowie Vertreter des Umwelt- und Landwirtschaftsausschusses und des Magistrats. Ziel der Veranstaltung war es, über den aktuellen Sachstand zu informieren und Unterschriften für eine Petition zu sammeln.

Das Ergebnis war eindeutig: „Die anwesenden Eigentümer wollen auf keinen Fall verkaufen“, so Ziegler. Politisch wurde zugesichert, dass „nichts gegen den Willen der Wald-Amorbacher geplant“ werde. Gleichzeitig signalisierten einzelne Bürger Gesprächsbereitschaft für deutlich kleinere Lösungen, etwa in Form von Agri-PV. Die Mehrheit jedoch sieht das Bergfeld weiterhin als unverzichtbares Naherholungsgebiet.

Damit ist klar: Der ursprünglich geplante Solarpark in Wald-Amorbach wird in dieser Form vermutlich nicht kommen. Was bleibt, ist eine grundsätzliche Debatte – über Maß und Mitte der Energiewende, über Beteiligung und Kommunikation und über die Frage, wo der Ausbau erneuerbarer Energien seine Akzeptanz verliert. Oder, wie Norbert Ziegler es formuliert: „Der Gewinn von günstigem Solarstrom darf nicht bedeuten, dass ein Dorf sein wichtigstes Stück Landschaft verliert.“ Aleksandar Kerošević

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