Foto: Stadt Erbach

Erbach. Es ist ein Projekt, das seit Jahren diskutiert, verschoben, neu gedacht und nun in eine konkrete Richtung gelenkt wurde – und das weit über ein einzelnes Gebäude hinausweist. In der Erbacher Südstadt, entlang der Friedrich-Ebert-Straße, soll ein neues Wohngebäude mit 27 Wohnungen und einer Arztpraxis entstehen. Auf einem zweiten, nur rund 200 Meter entfernten Grundstück plant die Stadt ein größeres Hotel. Zusammen sind beide Vorhaben Teil dessen, was Bürgermeister Dr. Peter Traub seit Langem unter dem Arbeitstitel „Südstadtentwicklung“ vorantreibt: mehr Leben, mehr Frequenz, mehr Bewegung südlich des Marktplatzes.

„Wie kriege ich mehr Menschen in unsere Südstadt und damit in unseren historischen Stadtkern?“, formuliert Traub die zentrale Frage. Denn während das Geschäftsleben in Erbach heute nahezu vollständig nördlich der historischen Altstadt stattfinde, verliere der südliche Innenstadtbereich zunehmend an Bedeutung. Das Hotel auf dem Areal des ehemaligen Einrichtungshauses „Möbel Schmidt“ und das neue Wohn- und Praxisgebäude auf dem früheren Getränkemarkt-Grundstück sollen genau hier ansetzen.

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Ursprünglich war für das rund 2.400 Quadratmeter große Areal zwischen Friedrich-Ebert-Straße und Mümling ein reines Gesundheits- und Ärztezentrum vorgesehen. Der dafür eigens aufgestellte Bebauungsplan schrieb diese Nutzung auch verbindlich fest. Doch das Projekt scheiterte – nicht am politischen Willen der Stadt, sondern an den Realitäten des Immobilienmarkts. Ein Investor war gefunden, Gespräche liefen, doch am Ende kam kein Kauf zustande. „Wenn sich Verkäufer und Investor nicht einig werden, müssen wir als Stadt irgendwann sagen: Wir können das nicht jahrelang stur aufrechterhalten“, sagt Traub rückblickend.

Die Konsequenz: Die Stadtverordnetenversammlung beschloss im Dezember 2025, den Bebauungsplan ein weiteres Mal zu ändern – weg vom Sondergebiet, hin zu einem „Allgemeinen Wohngebiet“. Damit ist Wohnen die Hauptnutzung, zugleich bleiben nicht störende gewerbliche Nutzungen wie Arztpraxen oder eine Apotheke möglich. „Unerwünschtes Gewerbe wie Spielhallen schließen wir ausdrücklich aus“, betont der Bürgermeister.

Mit der Planänderung wurde zugleich der Weg frei für eine neue, einheimische Investorengruppe. Drei Erbacher haben das Grundstück inzwischen erworben – unter der Bedingung, dass der Bebauungsplan angepasst wird. „Alles Erbacher, die wir für sehr kompetent und vertrauenswürdig halten“, sagt Traub. Die Stadt habe sich die Pläne genau angeschaut und klare Erwartungen formuliert: „Wir haben gesagt: Wenn ihr das so realisiert – 27 Wohnungen und eine Arztpraxis –, dann ist das aus städtischer Sicht okay.“

Geplant ist ein viergeschossiges Gebäude mit zwei Querriegeln parallel zur Straße und zur Mümling sowie einem verbindenden Baukörper mit zurückgesetztem Staffelgeschoss. Die maximale Gebäudehöhe beträgt 17 Meter – ein Punkt, der im Bauausschuss nicht unumstritten war. Kritik kam vor allem von den Grünen, die Zweifel an der Einfügung ins Stadtbild äußerten; auch aus der ÜWG gab es Vorbehalte. Traub verweist dagegen auf die innerstädtische Lage und vergleichbare Gebäudehöhen im Umfeld: „Das ist klassische innerstädtische Nachverdichtung. Wir gehen nicht an den Stadtrand und verbrauchen auch keinen Naturraum.“

Die 27 Wohnungen sollen überwiegend klein bis mittelgroß sein und ausschließlich vermietet werden. Eigentumswohnungen sind nicht vorgesehen. „Ich gehe davon aus, dass da auch Bezahlbares wirklich dabei ist“, sagt Traub – auch wenn die endgültige Mietpreisgestaltung Sache der Investoren bleibt. Für den ruhenden Verkehr sind insgesamt 49 Stellplätze vorgesehen, größtenteils auf dem Grundstück selbst, teils unter aufgeständerten Gebäudeteilen. Eine Tiefgarage ist nicht geplant.

Parallel dazu treibt die Stadt das zweite große Vorhaben der Südstadtentwicklung voran: den Hotelbau auf dem ehemaligen „Möbel Schmidt“-Areal. Aus Sicht des Bürgermeisters ist das ein Schlüsselprojekt – nicht nur für Erbach, sondern für das gesamte urbane Zentrum im Mümlingtal. „Uns fehlt hier ein größeres Hotel“, sagt Traub. Gerade bei Veranstaltungen fragen Gäste aus dem In- und Ausland regelmäßig: „Wo übernachten wir dann?“

Auch wenn das ursprünglich angestrebte, große Ärztezentrum an der Friedrich-Ebert-Straße nicht realisiert wird, sieht Traub die medizinische Versorgung nicht gefährdet. Neue Praxisflächen sollen an anderer Stelle in Erbach entstehen, unter anderem auf dem Gelände der Energiegenossenschaft Odenwald. „Mein Wunsch ist, dass wir mehr Angebote für niedergelassene Ärzte machen – das wird nun wohl bei der EGO realisiert.“

Für die Friedrich-Ebert-Straße werden seit Abschluss der jüngsten Offenlage Mitte Januar die eingegangenen Stellungnahmen derzeit ausgewertet. Der endgültige Satzungsbeschluss für den neuen Bebauungsplan wird für Februar oder März erwartet. Läuft alles nach Plan, könnten die Bauarbeiten Mitte 2026 beginnen. „Ich rechne mit etwa eineinhalb Jahren Bauzeit“, sagt Traub. „Ende 2027 könnten dann die ersten Mieter und Ärzte einziehen.“

Für die Südstadt wäre das ein sichtbarer Schritt nach vorn – nicht als einzelnes Bauprojekt, sondern als Teil einer langfristigen Strategie. Oder, wie es der Bürgermeister formuliert: „Das übergeordnete Ziel bleibt eine lebendigere, belebtere Südstadt. Dieses Projekt ist ein wichtiger Baustein auf diesem Weg.“ Aleksandar Kerošević

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