Beim letzten Besuch meines besten Freundes zierte ein neuer Erlass den Eingang des Mehrfamilienhauses: „Tür ab 20 Uhr zuschließen.“ Es ist nicht die erste amtliche Bekanntmachung des türkischen Vermieters, vor dem selbst der „Alte Fritz“ in die Knie gegangen wäre. Mit preußischer Seele hat es sich der Ruheständler zur Lebensaufgabe gemacht, die Bewohner zu tugendhaften Mitgliedern der Hausgemeinschaft zu erziehen. Praktischerweise residiert er im Erdgeschoss – in strategisch günstiger Lage, um jede Zuwiderhandlung sofort zu ahnden. Die Kunst, geräuschlos die Treppen emporzuschweben, haben alle verinnerlicht, ganz wie zu Jugendzeiten nach durchzechten Nächten vorbei am elterlichen Schlafzimmer.
Unübersehbar auch die handgeschriebenen Zettel am Infobrett: „Mülldienst nicht vergessen!“ und „Gelbe Säcke nicht zu voll packen“. Wehe dem Säumigen, wenn der Abfall nicht bis 16 Uhr stramm am Straßenrand steht. Da hilft kein Flehen um Gnade und kein Verweis auf den späten Feierabend oder körperliche Gebrechen. In dieser Weltordnung gibt es keinen Gleitzeit-Müll oder gar eine Dienstbefreiung.
Die Aushänge sind literarische Meisterwerke des Minimalismus: Knapp, direkt und konsequent befreit von jeder unnötigen Höflichkeitsfloskel. Ein „Bitte“ sucht man vergeblich – ebenso im Waschkeller, wo gleich zwei Manifeste die Wasch- und Trockenzeiten reglementieren. Doch wo Druck herrscht, entsteht Gegendruck. Kein offener Aufstand, eher ein stilles, anarchistisches Aufbegehren. So hängt nun am Infobrett auch ein Werbeprospekt mit Sonderangeboten. Für Urlaubsreisen in die Türkei. Noch wurde es nicht entfernt. Die Bewohner hoffen noch.
Bleiben Sie wachsam,
Ihr Tim Tollkühn

