Eleonora Venado ist eine leidenschaftliche Theatermacherin. 1991 gründete die studierte Gymnasiallehrerin an der Ernst‑Göbel‑Schule in Höchst die TEGS (Theatergruppe Ernst‑Göbel‑Schule). Unter ihrer Leitung – Dramaturgie und Regie – etablierte sich die TEGS mit ihren jährlichen Inszenierungen zu einer überregional bekannten Schultheatergruppe. Aufgrund der hohen Qualität ihrer Produktionen nahm die Gruppe an regionalen und bundesweiten Theaterwettbewerben teil; einige Male qualifizierte sie sich für das Theatertreffen der Jugend, den bedeutendsten Bundeswettbewerb für junges Theater in Deutschland.
Mit ihrer Pensionierung im Jahr 2019 löste sich die TEGS auf. Doch an ein Ende des Theatermachens war für die Power‑Rentnerin, die von allen nur „Elo“ genannt wird, nicht zu denken: 2020 gründete sie das Novembertheater. Auch hier entstehen unter ihrer Leitung jährlich neue Inszenierungen, die durch den Odenwald touren und überregional wie bundesweit auf Resonanz stoßen.
„Elo“ feierte beziehungsweise feiert (mindestens) zwei Jubiläen: 2025 beging sie das fünfjährige Bestehen ihres Novembertheaters, und 2026 jährt sich die Gründung der ehemaligen TEGS zum 35. Mal. Zudem findet am Samstag, 7. Februar, um 19.30 Uhr in Brensbach (Bannoser Theater, Heidelberger Straße 21A) die Dernière ihres aktuellen Stücks „Breite Schmurchel – Found and Lost Again“ statt. Herzlichen Glückwunsch!
Journal: Frau Venado, vor Ihrer Theaterlaufbahn waren Sie ausgebildete Psychotherapeutin, Studiendirektorin sowie Gymnasiallehrerin für Biologie und Erdkunde. Wie kam es dazu, dass ausgerechnet Sie – als absolute Quereinsteigerin ohne Theaterausbildung – Ihre Leidenschaft für das Theater entdeckten?
Eleonora Venado: Das ist tatsächlich eine spannende Frage. 1980 absolvierte ich mein Referendariat zur Studienrätin. In dieser Zeit gab es eine Projektwoche, und kurz davor fiel mir das Buch „Theater der Unterdrückten“ von Augusto Boal in die Hände. Ich war sofort begeistert. Boal beschrieb darin Theatermethoden, mit denen sich gesellschaftliche Prozesse verändern lassen. Er zeigte ganz konkret Übungen, wie man Gruppen zusammenführt und politisches Bewusstsein schafft. Wenn ich heute, am Ende meiner beruflichen Laufbahn, zurückblicke, sehe ich darin einen roten Faden: Nach vielen klassischen Stoffen bin ich letztlich immer stärker zu politischen Themen gekommen. Boal und seine Formen – Forumtheater, Unsichtbares Theater, Theater der Unterdrückten, Legislatives Theater – haben mich nachhaltig geprägt. Er brachte mich auf die Idee, Theater als Methode zu begreifen. Gleichzeitig wurde dadurch meine Liebe zu Theater und Literatur geweckt, die in meiner naturwissenschaftlich geprägten Sozialisation zuvor kaum eine Rolle gespielt hatten.
Journal: Warum sollten wir uns Ihrer Meinung nach mit Theater befassen?
Eleonora Venado: Theater ist eine „unreine“ Kunst, und genau darin liegt dessen Stärke. Es vereint Musik, Tanz, Film, Video, Puppenspiel – alles kann im Theater seinen Platz finden. Es existiert an den Rändern anderer Kunstformen und kennt unzählige Ausprägungen, vom Figurentheater bis zur Performance. Vor allem aber ist Theater immer live und immer unmittelbares Erleben. Keine Aufführung gleicht der anderen, nichts lässt sich exakt wiederholen. Im Gegensatz dazu bleiben ein Gemälde oder ein Musikstück im Kern gleich. Theater hingegen entsteht im Moment. Deshalb bin ich überzeugt, dass diese Kunstform immer bestehen bleiben wird – unabhängig davon, wie dominant Filme, Videos oder digitale Medien werden. Gerade junge Menschen, die heute stark in virtuellen Welten leben, erfahren im Theater etwas Unmittelbares, das ein Videospiel nicht ersetzen kann. Deshalb arbeite ich auch weiterhin gerne mit Schülern. Politisch gesehen verhandeln wir im Novembertheater bewusst gesellschaftliche Themen. Unser erstes Stück beschäftigte sich mit Corona, später folgten Produktionen zu Fast Fashion, Nachhaltigkeit oder Umweltkonflikten. Mit einer dieser Arbeiten erhielten wir den Deutschen Amateurtheaterpreis „amarena“, was uns sehr gefreut hat. Wichtig ist mir dabei: Missstände werden auf der Bühne sichtbar gemacht, aber nicht einfach aufgelöst. Das Publikum erlebt, wie sich eine Gruppe mit einem Problem auseinandersetzt – und nimmt diese Fragen mit nach Hause.
Journal: Die TEGS erlangte überregionale und bundesweite Bekanntheit. Wie entstand diese Gruppe Anfang der 1990er‑Jahre – und was war das Geheimnis ihres Erfolgs?
Eleonora Venado: Als ich an die Ernst‑Göbel‑Schule nach Höchst kam, wurde ich sofort Klassenlehrerin. Fachfremd konnte ich zwischen Deutsch und Mathematik wählen – ich entschied mich damals für Mathematik, würde heute aber wohl Deutsch wählen (lacht). Parallel begann ich, mit meiner Klasse Theater zu spielen und eine Theater‑AG aufzubauen. Diese Klasse entwickelte durch das Theaterspiel einen außergewöhnlichen Zusammenhalt. Ein schönes Beispiel: Timo Boll, der spätere Tischtennis‑Weltstar, war Teil dieser Klasse und blieb bis zur 10. Klasse, obwohl er eigentlich schon früher auf ein Tischtennisinternat hätte wechseln können – wegen der starken Klassengemeinschaft. Ich holte mir außerdem Unterstützung von drei jungen Theatermachern von der Universität Hildesheim, die im Chorischen Theater ausgebildet waren. Sie begleiteten unsere Produktionen dramaturgisch. Mit einem von ihnen, Henning Fritsch, arbeite ich bis heute zusammen. Das Erfolgsrezept war letztlich eine feste, über viele Jahre gewachsene Gruppe. Einige Schüler waren von der 5. bis zur 13. Klasse dabei, nahmen neue Mitglieder auf und trugen die gemeinsame Leidenschaft weiter. Hinzu kam meine eigene Weiterentwicklung: Fortbildungen, Offenheit für neue Theaterformen und der Schritt hin zum postdramatischen Theater. Stillstand hätte uns nicht weitergebracht.
Journal: Sie betonen immer wieder das Handwerk im Theater.
Eleonora Venado: Ja, denn Spielen kann zwar jeder – das ist uns Menschen angeboren. Aber gutes Theater ist Handwerk. Ohne Ausbildung, ohne Demut vor dieser Kunstform bleibt es oberflächlich und schnell langweilig. Fortbildung ist unerlässlich, gerade im Amateur‑ und Laientheater.
Journal: Woran erkennt man eine typische Eleonora‑Venado‑Inszenierung?
Eleonora Venado: (lacht) Ein zentrales Merkmal ist das Chorische Arbeiten. Für mich ist es pädagogisch wie künstlerisch sinnvoll: Alle Spieler sind immer auf der Bühne und müssen sinnvoll eingebunden sein. Der Chor wird dabei selbst zur Figur, aus der heraus immer wieder einzelne Stimmen hervortreten. In unserer aktuellen Produktion brauchen wir nicht einmal mehr klassische Figuren. Der Chor allein erzeugt Spannung, Verantwortung und Dynamik. Dieses Prinzip stammt aus meiner Schultheaterarbeit und hat sich bis heute weiterentwickelt.
Journal: Sie bevorzugen Performance und postdramatisches Theater gegenüber dem klassischen Sprechtheater. Warum?
Eleonora Venado: Klassisches Figurentheater ist für Laien extrem schwierig. Sich glaubhaft in komplexe psychische Ausnahmesituationen hineinzuversetzen – wie etwa Julia in der Gruft bei „Romeo und Julia“ – überfordert viele, selbst Profis. Ich arbeite lieber performativ: Die Menschen spielen nicht etwas, sie sind auf der Bühne. Sie handeln, reagieren, singen, tanzen. Figuren werden eher ausgestellt als dargestellt. Das empfinde ich als stimmiger und ehrlicher. Postdramatisches Theater bedeutet zudem, dass der Text nicht mehr über allem steht. Musik, Bewegung, Bild, Sprache – alles ist gleichwertig und trägt gemeinsam die Aussage.
Journal: Wie beurteilen Sie die Odenwälder Kulturszene?
Eleonora Venado: Ich halte sie für sehr vielfältig. Es gibt zahlreiche Theatergruppen, engagierte Vereine und eine lebendige Amateurtheaterszene. Viele Verbindungen reichen weit zurück, etwa über gemeinsame Workshops oder frühere Jugendtheaterprojekte. Was ich mir wünsche, ist mehr Fortbildung und Offenheit für neue Methoden – auch, um Jugendliche und Menschen mit Migrationshintergrund stärker einzubinden. Und an das Odenwälder Publikum kann ich nur appellieren: hingehen, anschauen, darüber sprechen. Kultur lebt vom Mitmachen.
Journal: Nach dem Ende der TEGS gründeten Sie das Novembertheater. Was unterscheidet beide Projekte?
Eleonora Venado: Beim Novembertheater gibt es deutlich mehr Mitbestimmung. Texte, Musik, Bühnenbild – vieles entsteht gemeinschaftlich. Die Arbeitsweise ist intensiver, mit regelmäßigen gemeinsamen Wochenenden. Die Musik spielt eine wesentlich größere Rolle als früher. Getragen wird das Novembertheater von drei Säulen: Henning Fritsch (Text, Musik und Regie), meinem Mann Thomas (Technik, Organisation und Bühnenbau) – und mir (Dramaturgie und Regie).
Journal: Welche Pläne haben Sie für die Zukunft?
Eleonora Venado: (lacht) Das weiß ich selbst noch nicht genau. Die Leitung einer Theatergruppe ist anstrengend. Vielleicht ziehe ich mich irgendwann zurück und arbeite stärker unterstützend, etwa als Leiterin von Workshops oder Fortbildungen für Vereine. Schreiben möchte ich eher nicht – meine Stärke liegt in der Dramaturgie und im Zusammenbringen von Gruppen. Vorstellen könnte ich mir jedoch kleine Performances, Installationen oder Aktionskunst, gerade auch für Jugendliche. Das fehlt hier im Odenwald noch.
Journal: Die nächste Etappe könnte also Installations‑ oder Aktionskunst sein?
Eleonora Venado: Vielleicht. Mal sehen. (lacht)
Text und Interview von Aleksandar Kerošević




