Bad König. Wer dieser Tage auf der B 45 am Bad Königer Kurpark vorbeifährt, sieht mehr als nur Erde und Stahl. Er sieht ein Versprechen – und ein Risiko. Westlich der alten Mümling-Unterführung wachsen graue Dämme in die Höhe, eine provisorische Ampel blinkt meist grün, und im Hintergrund wird an einer Lösung gebaut, die den Verkehr retten soll, bevor es ernst wird. Denn klar ist: Die Brücke von 1963 hat ausgedient. Ein Neubau ist unausweichlich.
„Der im Tragwerk der Brücke verwendete Spannstahl entspricht nicht mehr unseren heutigen Sicherheitsanforderungen“, sagt Anna-Lena Lumpp von Hessen Mobil im Gespräch mit dem Odenwälder Journal. Untersuchungen in den Jahren 2023 und 2024 hätten gezeigt, dass ein zeitnaher Austausch nötig sei. Zwar gebe es aktuell keine Tragfähigkeitsdefizite – doch genau das fehlende „Ankündigungsverhalten im Versagensfall“ mache die Sache heikel. Anders gesagt: Die Brücke würde nicht langsam warnen, sondern abrupt versagen.
Damit die wichtigste Verkehrsader des Odenwalds nicht ebenfalls abrupt stillsteht, setzt Hessen Mobil auf einen Kraftakt neben der eigentlichen Baustelle: eine rund 250 Meter lange Behelfsumfahrung mit einer stählernen Behelfsbrücke über die Mümling. Zwei Fahrstreifen, keine Lastbeschränkung, volle Leistungsfähigkeit. Der Verkehr soll weiterrollen, während wenige Meter daneben abgebrochen und neu gebaut wird.
Der Weg dorthin ist jedoch steiniger als geplant. Nach dem offiziellen Startschuss im August 2025 begannen zunächst vorbereitende Arbeiten: Linksabbiegespur, Bedarfsampel, erste Erdarbeiten. Dann folgte eine Phase, in der auf der Baustelle wenig Bewegung zu sehen war. Grund hierfür waren Probleme mit geeignetem Dammbaumaterial – ein Thema, zu dem Hessen Mobil derzeit keine Aussage hinsichtlich möglicher Kostenfolgen machen kann. „Die Ursache und Verantwortung werden aktuell geprüft“, so Lumpp.
Inzwischen geht es wieder sichtbar voran. Beidseits der Mümling entstehen die Dämme, die später die Zufahrten zur Behelfsbrücke tragen. Ihre Gründung erfolgt auf dem vorhandenen Boden, verstärkt durch Naturgestein, Geogitter und Geotextil. Spundwände sichern die Konstruktion und bilden zugleich die Widerlager. Darauf werden Kopfbalken aus Stahlbeton gesetzt – das Fundament für den eigentlichen Brückenüberbau.
Dieser Überbau ist ein modulares System aus Stahlsegmenten, knapp 20 Meter lang, das an einem Wochenende per Mobilkran eingehoben werden soll. Für diesen Moment wird die Verkehrsführung nochmals angepasst, danach folgt der Straßenbau auf den Dämmen, inklusive Entwässerung und Schutzsysteme. Die lichte Höhe von rund 4,40 Metern stellt sicher, dass auch Hochwasserereignisse sicher abgeführt werden können.
Ist alles fertig, wird der Verkehr der B 45 vollständig auf die Umfahrung verlegt. „Die Behelfsumfahrung ist für alle Verkehrsbelastungen ausgelegt – auch im Zusammenspiel mit anderen Baustellen wie der Zeller Brücke“, betont Lumpp. Schwerlastverkehr? Kein Problem. Umleitungen? Nicht nötig. Die Belastung bleibt die gleiche wie zuvor – nur auf neuem Untergrund.
Rund 1,9 Millionen Euro lässt sich der Bund allein die Errichtung und den späteren Rückbau dieser Übergangslösung kosten. Und Übergang heißt in diesem Fall: etwa anderthalb Jahre. So lange soll die Behelfsbrücke in Betrieb bleiben, während das alte Bauwerk abgerissen und an gleicher Stelle neu errichtet wird. Was das kosten wird, ist noch offen.
Für Anwohner und Kurgäste gibt Hessen Mobil Entwarnung. Die Baustelle liege rund 500 Meter von Kurpark und Ortslage entfernt, zusätzliche Schutzmaßnahmen gegen Lärm oder Erschütterungen seien nicht nötig. Nacht-, Wochenend- oder Feiertagsarbeit ist nicht vorgesehen, der Kurpark bleibt für Fußgänger und Radfahrer durchgehend zugänglich.
Am Ende wird von der Umfahrung nichts bleiben. Dämme, Brücke, Asphalt – alles wird wieder abgebaut. Das Material verschwindet nicht im Abfall, sondern wandert auf anderen Baustellen weiter. Was bleibt, ist eine neue Brücke – und die Hoffnung, dass der riskante Balanceakt bis dahin ohne Zwischenfälle gelingt.
Denn bis der Neubau steht, gilt für die alte Brücke vor allem eines: Sie steht unter Beobachtung. Und der Verkehr des Odenwalds fährt auf Zeit. Aleksandar Kerošević

