Das Ensemble des Novembertheaters nimmt die Zuschauer mit auf eine musikalische Reise zwischen Dorf und Stadt. Foto: Robert Dicks

Höchst. Was ist besser: das Leben auf dem Land oder das Leben in der Stadt? Wer diese Frage nach der Premiere von „Rhapsodie in GRÜN und GRAU“ beantworten will, dürfte sich schwertun. Denn das Novembertheater hat am vergangenen Sonntag im Bürgerhaus in Höchst genau diese vermeintlich einfache Frage auf höchst ungewöhnliche, unterhaltsame und bisweilen geradezu verblüffende Weise auf die Bühne gebracht – und dabei eines von Anfang an klargemacht: Ein eindeutiges Urteil gibt es nicht.

Stattdessen gab es Musik, Gesang, Bewegung, jede Menge Fantasie und ein Ensemble, das sich mit „ethnologischem Eifer“ auf die Reise durch zwei völlig unterschiedliche Lebenswelten begab. Menschen fliehen vom Land in die Stadt, andere fliehen aus der Stadt aufs Land. Und an beiden Enden dieser Fluchtlinien warten Vorstellungen, Projektionen und Vorurteile darüber, wie das Leben am jeweils anderen Ende wohl aussehen mag. Genau dort setzt „Rhapsodie in GRÜN und GRAU“ an.

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Die Zuschauer begleiteten eine Heldin auf ihrer Reise durch unterschiedliche Lebensräume – beim Abschiednehmen, beim Ankommen und bei ihren kurzweiligen Abenteuern. Die Oktoberkapelle sorgte dabei für die musikalische Begleitung. Und schon der Titel der Inszenierung ist Programm: Grün steht für die Natur und das Leben auf dem Land, Grau für die Hochhäuser und das urbane Leben. Zwei Welten also, die auf der Bühne permanent miteinander konkurrieren, sich begegnen, ineinander übergehen und schließlich kaum noch voneinander zu trennen sind.

Besonders eindrucksvoll wurde dies durch vier große rechteckige, weiße Leinwände, die nebeneinander auf der Bühne standen. Auf der Vorderseite waren mit grauer Farbe Hochhäuser aufgemalt, auf der Rückseite mit grüner Farbe Landschaften und Natur. Doch die Wände standen keineswegs einfach nur dekorativ herum. Sie wurden während des gesamten Stücks von den Darstellern getragen, gedreht, verschoben und immer wieder neu positioniert. Mal war die Stadt zu sehen, mal das Land, dann wieder beides in schneller Folge. Einmal wurden die Wände sogar kurzerhand zu fahrenden Autos umfunktioniert, in denen die Darsteller als Autofahrer unterwegs waren.

Gerade diese ständigen Bewegungen eröffneten einen enormen Interpretationsspielraum. Das permanente, teilweise geradezu chaotische Drehen der beiden unterschiedlichen Wandseiten konnte beispielsweise als Sinnbild für die innere Zerrissenheit verstanden werden: Wo möchte ich eigentlich leben? Was spricht für die Stadt, was für das Dorf? Und was davon ist vielleicht nur ein Vorurteil, das sich bei genauerem Hinsehen gar nicht bewahrheitet?

Auch optisch wurde das zentrale Thema der Inszenierung aufgegriffen. Bei jedem einzelnen Schauspieler war ein Auge kreisrund mit grüner Farbe gefärbt. Daneben verlief ein schräger grauer Strich. Die Bedeutung dahinter erklärte Regisseurin Eleonora Venado: „Das Grün steht für das Grün der Natur auf dem Lande, der graue Strich für die grauen Hochhäuser der Großstadt.“

Eine weitere Besonderheit der Inszenierung war die Musik. Die Lieder, die von den Musikern gespielt und von den Schauspielern im Chor gesungen wurden, sind – bis auf eine einzige Ausnahme – allesamt eigens für die Inszenierung komponiert und geschrieben worden. Henning Fritsch komponierte die Musik und erhielt dabei Impulse und Ideen von den drei Musikern Guanqiao Li am Piano, Rico Osswald am Schlagwerk und Jennifer Müller am Saxophon. Auch die Texte der Lieder stammen von Fritsch, der beim Schreiben wiederum Impulse und Ideen der Schauspieler aufnahm. Auch die gesanglose Hintergrundmusik, die an manchen Stellen eingespielt wurde und die Atmosphäre des jeweiligen Moments verstärkte, entstand eigens für diese Produktion.

Und als wäre das noch nicht genug, wurden auch die Requisiten kurzerhand zu Instrumenten. Immer wieder erzeugten die Darsteller mit Gegenständen auf der Bühne Geräusche und Musik. Teilweise wurden aus den Bühnenrequisiten sogar eigene Instrumente gebaut beziehungsweise erfunden. So entstand beispielsweise aus Holzbrettern, die unter anderem als Stützen und Halterungen für die bemalten Leinwände dienten, eine Art Klappinstrument. Was normalerweise einfach nur Bühnenausstattung gewesen wäre, wurde damit selbst zum Teil der Musik.

Auffällig ist zudem, dass die Inszenierung ganz ohne klassische Einzelrollen auskommt. Die sechs Schauspieler Cornelia Dassbach, Simon Dettmann, Tina Rudolph, Katharina Wölfelschneider, Patrick Wölfelschneider und Ulli Zelta Rosche treten kaum als voneinander abgegrenzte Figuren mit jeweils eigener Geschichte auf. Vielmehr agiert das Ensemble als chorisches Element. Vereinfacht gesagt bedeutet das: Die Schauspieler bilden keine Ansammlung einzelner Haupt- und Nebenfiguren, sondern funktionieren als gemeinsamer Körper, als eine Einheit. Texte werden gemeinsam, synchron und im gleichen Tempo gesprochen – manchmal vom gesamten Ensemble, manchmal von einem Duo oder einer kleineren Gruppe und manchmal von einem einzelnen Darsteller.

Was für die Zuschauer spielerisch und leicht wirkt, verlangt den Beteiligten dabei ein erhebliches Maß an Aufmerksamkeit, Konzentration und Erinnerungsvermögen ab. Schließlich muss jeder jederzeit genau wissen, wann er sprechen, sich bewegen, reagieren oder wieder in die Gruppe zurückkehren muss. Gerade dieses präzise Zusammenspiel machte einen wesentlichen Reiz der Aufführung aus.

Musik und Bühnengeschehen folgen dabei keinem klassischen Schema. Die Inszenierung orientiert sich vielmehr an der musikalischen Form der Rhapsodie, also einem Werk in freier Form, in dem kontrastierende Stimmungen, Episoden und häufig volksliedhafte Motive zu einem großen Ganzen miteinander verbunden werden. Genau so wirkt auch das Bühnengeschehen: Es gibt keine starre Abfolge nach dem Muster „Szene eins, Szene zwei, Szene drei“. Stattdessen entwickelt sich die Handlung frei aus den Ideen des Komponisten, der Spielleitung und des Ensembles.

Und was ist nun besser – Stadt oder Land? „Uns war es wichtig, kein einseitiges Urteil darüber zu fällen, ob das Leben in der Stadt oder das Leben auf dem Lande besser oder schlechter ist“, sagt Eleonora Venado. „Vielmehr sollten sowohl die Vor- als auch die Nachteile des Stadt- und des Dorflebens zusammengefasst und beleuchtet werden. Entscheiden, wo man selbst lieber lebt, soll am Ende jeder Zuschauer für sich.“

Das Novembertheater, das im November 2019 von Eleonora und Thomas Venado gegründet wurde und als eigene Abteilung unter dem Dach des Vereins Theaterteam Spiellust e. V. agiert, hat mit dieser und den vorigen Produktionen bewiesen, wie viel auf einer Theaterbühne möglich ist, wenn Kreativität, musikalisches Können, Spielfreude und ehrenamtliches Engagement zusammenkommen.

Und wer die außergewöhnliche Reise zwischen GRÜN und GRAU selbst erleben möchte, hat dazu in den kommenden Monaten noch reichlich Gelegenheit: Weitere Aufführungen finden am 29. August um 19 Uhr beim Demokratietag im Atrium Erbach, am 5. September um 19.30 Uhr und am 6. September um 16 Uhr im Bürgerhaus Michelstadt-Steinbach, am 19. September um 19 Uhr in der Georg-Ackermann-Schule in Breuberg-Rai-Breitenbach, am 14. November um 19.30 Uhr in der Reichenberghalle Reichelsheim sowie am 12. Juni 2027 um 19.30 Uhr im Bannoser Theater in Brensbach statt. Einlass ist jeweils eine halbe Stunde vor Beginn. Karten kosten 15 Euro, ermäßigt 10 Euro, und sind im Vorverkauf sowie an der Theaterkasse erhältlich. Weitere Informationen gibt es per E-Mail an info@novembertheater.de, telefonisch unter 0170 933 23 63 sowie im Internet unter www.novembertheater.de und www.spiel-lust.de. Aleksandar Kerošević

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