
Heute mal einen Beitrag eines freien Redakteurs, der unverblümt die Situation in unseren Städtchen auf dem Land beschreibt. Ich möchte darauf hinweisen, es spiegelt nicht die Meinung des Verlages wieder, aber ich denke, da ist die Realität ganz gut getroffen: „Ich glaab es hackt“ von Tim Tollkühn: Ich war lange nicht mehr in Erbach. Wusste ehrlich gesagt auch nicht, warum ich hin sollte. Das Einzige, das mich einmal im Jahr in die Kreisstadt lockt, ist der Wiesenmarkt.
Aber was hat die Innenstadt abgesehen von kostenlosen Parkplätzen eigentlich das restliche Jahr über zu bieten? Okay, noch immer halten sich das Kaufhaus Brand und das Buchkabinett tapfer. Heldenhaft! Aber Drumherum? Puh. Drei Zockerbuden, Vip-Lounge, Shisha-Bar, Nagelstudio, Massage-Buden, gekrönt von Konsum-Tempeln des kleinen Mannes: NKD, Tedi, bald auch Woolworth. Wer braucht sowas? Welches Komitee hat da zusammengesessen und gesagt: „Leute, die wollen mehr.“? Offenbar existiert dafür eine Nachfrage – was bekanntlich mehr über das Publikum aussagt als über das Angebot.
Mein persönliches Highlight sind aber die sieben Friseure. Sieben! Auf 500 Metern, oft nur eine Straßenbreite voneinander entfernt. Was passiert da? Ich frage mich zwangsläufig, ob dort noch Haare geschnitten oder lediglich Unternehmensbilanzen geglättet werden. Frisieren kann man ja auf vielerlei Art. Als Finanzamt wäre ich neugierig. Aber was weiß ich schon…
Derweil demontiert sich Erbach an anderer Stelle lieber gleich selbst. Die Tourist-Info – jene kleine Institution, die unbeirrt an kommende Glanzzeiten glaubte – wird voraussichtlich zum Jahresende dichtgemacht. Das Stadtparlament war sich da überraschend einig: Geldhahn zu. Wer braucht auch Touristen, wenn man sieben Friseure hat? Haarspalterei.
Damit hat sich dann wohl auch das Rätsel um Erbachs erste Citymanagerin gelöst. Die hat man seit ihrem Amtseintritt 2024 nicht mehr gesehen. Man munkelt, sie sei noch in der Probezeit nach Höchst geflüchtet. Dort gebe es mehr Potential.
So bleibt Erbach, wie es ist: Ein Ort, der absolut nichts verspricht – und darin niemals enttäuscht. Hat was Beständiges. Irgendwie beschaulich.
Bleiben Sie wachsam, Ihr Tim Tollkühn.



