
Erbach. Mit Standing Ovations, begeistertem Mitsingen und einer Atmosphäre, die noch lange nach dem letzten Vorhang nachhallte, ist am Sonntagabend der diesjährige Erbach-Michelstädter Theatersommer zu Ende gegangen. Zehn Tage lang verwandelte das Ensemble den historischen Schlosshof in Erbach in eine Zeitmaschine zurück in die 1970er Jahre – und bewies mit der Freilichtinszenierung „Schlager lügen nicht“, dass Amateurtheater auf höchstem Niveau begeistern kann. Die rund zweistündige Aufführung inklusive einer Pause war dabei weit mehr als eine Aneinanderreihung bekannter Schlager: Sie war eine liebevolle Hommage an ein Jahrzehnt voller Lebensfreude, Nostalgie und unvergessener Melodien – und zugleich der beste Beweis dafür, warum der Theatersommer seit Jahren zu den kulturellen Höhepunkten im Odenwald zählt.
Zwischen Prilblumen, Flokati, Lavalampen und Schlaghosen entfaltete sich die Geschichte der Familie Spengler, deren Alltag sich mit den Intrigen hinter den Kulissen einer großen Schlagershow und einem turbulenten Mallorca-Urlaub verknüpfte. Dabei gelang es Regisseur Alexander Kaffenberger und Produktionsleiter Dirk Daniel Zucht, die zahlreichen bekannten Schlager der 70er Jahre so geschickt in die Handlung einzubetten, dass jeder Titel den jeweiligen Moment der Geschichte musikalisch weitererzählte. Kaum erklang der nächste Ohrwurm, fügte er sich nahtlos in die Szene ein und ließ Musik und Handlung zu einer Einheit verschmelzen.
Besonders bemerkenswert war die Leistung des ausschließlich ehrenamtlichen Ensembles. Mit großer Spielfreude, beeindruckender Textsicherheit, überzeugendem Schauspiel und erstaunlich starkem Live-Gesang standen die Darsteller den gesamten Abend über auf der Bühne und meisterten die anspruchsvolle Inszenierung mit sichtbarer Leidenschaft. Unterstützt wurden sie von einem Chor, der die bekannten Schlager nicht nur klangvoll begleitete, sondern immer wieder selbst in den Mittelpunkt rückte und den musikalischen Charakter der Aufführung zusätzlich bereicherte. Die abwechslungsreiche Bühne mit Wohnzimmer, Fernsehstudio und Hotelterrasse, stimmungsvolle Lichtakzente sowie liebevoll ausgewählte Requisiten ließen das Lebensgefühl der 70er Jahre auf authentische Weise wieder aufleben.
Dass die Zuschauer von der ersten bis zur letzten Minute mitten im Geschehen waren, lag nicht zuletzt daran, dass die vierte Wand immer wieder durchbrochen wurde. Darsteller bewegten sich durch die Tribüne, bezogen das Publikum in das Geschehen ein und sorgten dafür, dass die Grenzen zwischen Bühne und Zuschauerraum zeitweise verschwammen.
Immer wieder wurde mitgeklatscht, mitgesungen und herzlich gelacht. Für einen der schönsten Momente des Abends sorgte das Publikum selbst: Als die frustrierte Bühnenfigur Berger verzweifelt ausrief: „Schlager lügen!“, kam die spontane Antwort aus der voll besetzten Tribüne wie aus einem Mund: „Nicht!“. Ein Augenblick, der eindrucksvoller kaum hätte zeigen können, wie sehr diese Inszenierung ihr Publikum erreicht hatte.
Dabei war die Entscheidung für das diesjährige Thema keineswegs zufällig. Produktionsleiter Dirk Daniel Zucht erklärte gegenüber dem Odenwälder Journal, dass man den Menschen in einer Zeit voller wirtschaftlicher und politischer Krisen bewusst einen Abend schenken wollte, an dem Leichtigkeit und gute Laune im Mittelpunkt stehen. Kaum ein anderes Genre stehe so sehr für Lebensfreude, Erinnerungen und unbeschwertes Miteinander wie die großen deutschen Schlager der 70er Jahre. Dieses Konzept ging blendend auf.
Entsprechend erfolgreich fällt auch die Bilanz der Verantwortlichen aus. „Durchweg positiv“, sagte Dirk Daniel Zucht nach der Dernière. Besonders erleichtert zeigte er sich darüber, dass das Wetter in diesem Jahr mitspielte. „Wir waren diesmal regensicher. Wir mussten nicht jeden Abend zum Himmel gucken und bangen.“ Ebenso wichtig sei für ihn gewesen, dass die intensive Proben- und Aufführungszeit ohne Ausfälle und Unfälle verlaufen sei.
Für Regisseur Alexander Kaffenberger sind es vor allem die außergewöhnlichen Spielorte, die den Erbach-Michelstädter Theatersommer zu etwas Einzigartigem machen. „Die besonderen Orte. Und dass wir mitten unter den Menschen sind“, betonte er. Viele Besucher würden ihren Theaterbesuch mit einem Aufenthalt in Erbach oder Michelstadt verbinden. „Für viele Menschen, viele kommen ja von außerhalb, ist dies einfach ein kleiner Kurzurlaub hier. Das macht diese Atmosphäre aus.“
Dass der Theatersommer längst weit über die Region hinausstrahlt, liegt für Dirk Daniel Zucht aber noch an einem weiteren entscheidenden Punkt. „Das Ganze kommt aus der Region. Wir haben keinen Import von irgendwelchen Stars. Das ist aus dem Odenwald geboren, mit Odenwäldern, die hier auf der Bühne stehen.“ Gerade dieses starke ehrenamtliche Engagement verleihe der Veranstaltung ihren unverwechselbaren Charakter.
Besonders bewegt zeigte sich Alexander Kaffenberger vom Zuspruch des Publikums. „Standing Ovations jeden Abend. Ab Beginn des Theatersommers bis zur letzten Aufführung, die gesamte Tribüne. Wahnsinn, das hat mich begeistert.“ Ebenso stolz sei er auf das Ensemble. „Megastolz“, brachte er seine Gefühle auf den Punkt. Beeindruckt habe ihn vor allem, wie die Darsteller innerhalb kürzester Zeit zu einer eingeschworenen Gemeinschaft zusammengewachsen seien. „Wir rocken hier, wir schaffen diese Tribüne und diese große Bühne. Das ist schon etwas, worauf wir stolz sein können.“
Auch für die Zukunft gibt es bereits klare Pläne. Nach der Saison ist vor der Saison. Im kommenden Jahr soll der Theatersommer wieder nach Michelstadt zurückkehren. Voraussetzung bleibt allerdings die Unterstützung der Städte und der Kommunalpolitik. „Wir werden natürlich wieder einen Antrag stellen müssen“, erklärte Dirk Daniel Zucht. „Toi, toi, toi. Ich hoffe, es klappt wieder alles.“
Mit „Schlager lügen nicht“ hat der Erbach-Michelstädter Theatersommer in diesem Jahr bravourös bewiesen, dass Leidenschaft, Kreativität und ehrenamtliches Engagement Großes entstehen lassen können. Am Ende blieb nicht nur der Applaus. Es blieb das Gefühl, für einen Sommerabend den Alltag vergessen zu haben – begleitet von Melodien, die noch lange auf dem Heimweg im Kopf weiterklangen. Und genau darin lag wohl das größte Kompliment, das diese Inszenierung erhalten konnte. Aleksandar Kerošević


