
Reichelsheim. Die Sage: Am Marktplatz in Reichelsheim, und zwar am sogenannten Bergelchen, stand in alter Zeit ein Kloster. Als Stätte desselben gilt das Gebiet der Hofreite Bertsch (heute Bismarckstraße 39), und der Brunnen in dem Haus heißt seit Menschengedenken „der Klosterbrunnen“. Er ist weit und breit bekannt, und um das Jahr 1850 kam sogar eines schönen Tages ein fremder vornehmer Mann nach Reichelsheim und ließ sich hier neben anderen Sehenswürdigkeiten auch den Klosterbrunnen zeigen. Des Weiteren wird erzählt: Ehemals ging eine Wasserleitung von dem Schlossbrunnen in Eberbach nach dem Ziehbrunnen auf dem Markte und von diesem nach dem tiefer gelegenen Klosterbrunnen, um den beiden Letzteren im Falle anhaltender Trockenheit Wasser zuführen zu können.
Der Klosterbrunnen ist in einem bescheidenen Raum zwischen Wohnhaus und Scheune zu suchen, wo eine kleine Bodenerhebung in der Ecke rechts seine Stelle bezeichnet. Er ist 50 Meter tief, in seinem unteren Teil in den Fels eingehauen und nach oben mit starken Quadern ausgemauert. Ein Zeichen oder eine Jahreszahl hat man an der Einfassung nicht wahrgenommen. Als Ziehbrunnen war der Klosterbrunnen, was gerne betont wird, oben „doppelt breit“. In den letzten Jahren stand eine Pumpe darin, doch wurde er 1893 wegen Inbetriebnahme der Gemeindewasserleitung außer Dienst gestellt und mit Erde ausgefüllt.
Das 1848 abgebrannte und im gleichen Jahre wieder aufgebaute Bertschche Haus (heute Mittelbau) wurde 1860 durch einen Anbau bis zur Bismarckstraße verlängert, wodurch das hier gelegene hübsche Vorgärtchen geopfert werden musste. Beim Ausschachten des Kellers stieß man unvermutet auf eine Menge Bauschutt im Boden, und es konnten 24 Wagen voll Asche als willkommener Wiesendung abgefahren werden. Eine weitere Entdeckung war diese: Die niedere Mauer, die das Gärtchen gegen das Hausabschloss, ging wider Erwarten auffällig weit in die Tiefe. Zu welchem Zweck? Ein Schlupfloch, rasch in die rätselhafte Mauer geschlagen, führte in einen unterirdischen, dunklen Raum, einen gewölbten Gang von 4 Metern Länge, 0,90 Metern Breite und 1,80 Metern Höhe. Er erstreckt sich in der Richtung gegen das Pfarrhaus hin, endigt aber plötzlich vor einer, wie es scheint, nachträglich eingesetzten Quermauer. Das sich in dem Gang zuweilen einstellende Wasser soll das Regenwasser sein, das in einer Delle auf dem Marktplatz einsickert. Von Fundstücken besonderer Art in dem erwähnten Brandschutte wusste der Besitzer des Hauses, Kirchenrechner Bertsch (1855 – 1917), nichts zu melden.
Röhrenfund: Bei Neuanlage der Dungstätte am Bergelchen um das Jahr 1890 stieß Bertsch in einem Meter Tiefe unverhofft auf eine alte Leitung aus gusseisernen Röhren. Sie liegt in der Linie Klosterbrunnen – Marktbrunnen, geht also unter dem 1554 erbauten Rathaus hin. Die ausgebrochenen Stücke waren zum Teil einen Meter lang, und der Gehilfe des Bertsch, Michael Lautenschläger (1841 – 1925), äußerte später einmal gelegentlich: „Ich wollte heute noch einige Stücke herausschaffen. Bertsch verwandte die Röhrenstücke zur Ableitung des Wassers aus seinem oberen Keller. Das Endstück dieser Leitung ist im Nachbarhöfchen zu sehen, wo es aus dem Sockel der Mauer hervorlugt, wie wenn es sagen wollte, fast 500 Jahre lag ich im Dunkel der Erde, nun aber freue ich mich des Lichts!“ Die Überreste der Klostermauern sind heute im alten Rathaus in der Halle sichtbar.
Ergänzung: Schenk Philipp I. (III.) von Erbach, genannt der Junker vom Reichenberg (1415-1461), und seine Gemahlin Lukardis von Eppenstein stifteten 1431 ein Brüderhaus zu Reichelsheim. Die Einnahmen und Ausgaben des Hauses wurden in der „Rechnung der Pfarrkirche und der Brüderschaft zu Reichelsheim“ durch verordnete Pfleger genau aufgezeichnet, wie zum Beispiel: 1541/42 durch Hans Bleichenbecker zu Reichelsheim und Niclaus Schneider auf der Käßenau zu Gumpen. Man kann das Kloster am Bergelchen als das Bruderhaus von 1431 deuten, das dem Brandschutt nach zu schließen, durch Feuer zerstört worden ist. Die Auffindung des alten Röhrenstranges am Bergelchen bestätigt die Richtigkeit der Überlieferung von der Verbindung der Brunnen, wenigstens aber von dem auf dem Marktplatz. Wolfgang Kalberlah


