Zwangsversetzung eines Lehrers war nur der Tropfen auf den heißen Stein

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Foto: Clarissa Yigit

Schüler, Eltern und Lehrer der Ernst-Göbel-Schule in Höchst finden keinen Schulfrieden und lehnen sich gegen Schulleitung auf.

Höchst. Eigentlich ist es ein schöner Frühlingstag im Odenwald, wäre da nicht der düstere Schatten über der Ernst-Göbel-Schule (EGS) in Höchst. Wieder haben Schüler, Lehrer wie auch Eltern zu einem erneuten Streik auf den Schulhof besagter Schule am letzten Donnerstag (12.5.) aufgerufen. Es liegt spürbare Angespanntheit, aber auch Entschlossenheit in der Luft. 

In erster Linie gehe es zwar nicht mehr über den vor knapp eineinhalb Monaten zwangsversetzten Oberstufenlehrer Rüdiger Wehde an das Gymnasium Michelstadt, sondern um mehr Kommunikation und Einbezug der Schüler, Eltern oder anderer Gremien – wie beispielsweise den Kreiselternbeirat – in Entscheidungen der Schulleitung. 

Diese Argumente wurden sowohl auf dem Streikaufruf als auch den Transparenten der Schüler deutlich. So konnte man auf den Plakaten neben dem Schulfrieden mit Rüdiger Wehde entnehmen, dass die Schüler sich vor allem Transparenz, mehr Kommunikation, aber auch den Erhalt kompetenter Lehrer wünschen.

Schulleiter Ralf Guinet sagt, dass er erst einen Tag vor dem Streik per Mail über diesen informiert wurde. Auch sei der Absender anonym gewesen. „Es geht darum, dass die Schüler auf dem Schulgelände ihre Meinung kundtun“, betont Guinet, solange die anderen Schüler, die für ihre Abschlussprüfungen in den Bereichen Haupt- und Realschule nicht gestört werden. Grundsätzlich habe er aber nichts dagegen, betont der Schulleiter. Allerdings wies Guinet, ehemaliger Studienleiter an der Albert-Einstein-Schule Groß-Bieberau, auch darauf hin, dass die Beteiligung an dem Streik für Schüler/innen als Fehlstunden vermerkt würden. Dies wurde bereits am Vortag mit dem Kollegium wie auch der Schülervertretung mittels E-Mail kommuniziert. Eine weitere Mail erhielt auch Kreiselternbeiratsvorsitzende Gudrun Gebhardt, allerdings sei dies keine Einladung, sondern eher eine Aufforderung gewesen, dem Streik fern zu bleiben. Auf Grund dieses Schriftstücks sei sie erst recht dort erschienen.

Wie der stellvertretende Schulleiter, Dennis Kroeschell, erläutert, habe das Staatliche Schulamt Rüdiger Wehde für drei Monate (bis 31.7.) abgeordnet. Auf die Frage, ob er denn wieder an die Ernst-Göbel-Schule kommen würde, dürfe Kroeschell keine Auskunft geben. „Über alles Weitere entscheidet das Schulamt“, führt er aus. Hier diene die Versetzung angeblich dazu, dass sich die Lage an der Ernst-Göbel-Schule wieder beruhige, erläutert Emily Langwieler, Schülerin der EGS.

Bemerkenswert während dieses Streiks ist vor allem die Haltung weiterer Lehrkräfte. So solidarisierten sich einige mit Wehde, indem sie einen kleinen Ansteckbutton trugen. Auf diesem ist ein Stinktier abgebildet. „Herr Wehde hatte in seinem Büro ein Stinktier aus Stoff. Daher dieser Anstecker“, erklären Schüler wie auch Lehrer. Dabei sei solch eine Solidaritätshaltung gerade als Pädagoge an der EGS momentan nicht leicht. Laut Quellen, die nicht genannt werden möchten, gebe es eine „Abschussliste“ für Lehrer, die nicht die Meinung der Schulleitung teilen. „Das habe hier schon etwas von Stasi“, gibt sich eine Quelle bedeckt. Einige ahnten bereits, auf besagter Liste zu stehen und fürchten nun um ihre Anstellung. Auch seien Guinet wie auch Kroeschell seitens des Kollegiums bereits der Rücktritt angeraten worden. Zudem munkele man, dass das Schulamt mit der Schulleitung unter einer Decke stecke. 

Interessanterweise wird Wehde noch immer auf der Homepage der Schule als dortiger Lehrer verzeichnet. Hierzu kann und wollte sich die Schulleitung nicht äußern, da das weitere Vorgehen in Personalentscheidungen in der alleinigen Entscheidungsmacht des Schulamtes liege. „Es ist beabsichtigt, dass er nicht wieder zurückkommt. Das Schild an seinem Bürozimmer ist bereits abgeschraubt“, verlautet es aus anderer Quelle. Zudem seien viele Lehrerkollegen und -kolleginnen am Ende. „Diese Situation geht an die Substanz.“ heißt es weiter. Lehrer würden dem Unterricht fernbleiben oder gar zusammenbrechen. „Von den fünf Personalratsmitgliedern hat eine aufgegeben, zwei wechseln die Schule und eine ist schwanger.“, heißt es weiter. Somit bleibe die ganze Arbeit an einer Person hängen.

Außerdem liegt der Redaktion des Odenwälder Journals ein schriftlicher „Lagebericht“ aus dem Lehrerzimmer vor. 

Hier heißt es unter anderem, Zitat: 

„(…) Der Schulfrieden im Lehrerzimmer, innerhalb des Kollegiums, ist schon länger gestört. (…) Das Schulamt und die Schulleitung haben sich, nach der Ansicht vieler von uns, blamiert. Wir vertrauen ihnen nicht mehr und glauben nichts mehr, was von dieser Seite kommt. Zu vieles in den Erklärungen ist widersprüchlich gewesen, zu viel Vertrauen ist zerstört. Viele Eurer Lehrer sind am Ende. Sie haben selbst Angst, abgeordnet zu werden, (…) Viele Eurer Lehrer schlafen schlecht, weil die Situation sie belastet. Sie haben Angst vor einem schlechten Stundenplan im nächsten Jahr oder sie haben Angst davor, keinen Vertrag mehr zu erhalten und keinen Job mehr zu haben, weil sie Hrn. Guinet in irgendeinem Punkt widersprochen haben. Es herrscht auch im Lehrerzimmer eine Kultur der Angst. (…).“ Zitat Ende.

Emily Langwieler betont zudem: „Viele Entscheidungen wurden über die Köpfe der Eltern und Lehrer getroffen.“ So haben wohl während der Gesamtkonferenz, welche viereinhalb Stunden andauerte, Eltern und Schüler gleich zu Anfang drei Stunden vor der Tür ausharren müssen. 

In diesem Zusammenhang macht auch Schulelternbeirätin Romy Müller ebenfalls ihren Unmut deutlich. So wurde wohl seitens der Schulleitung zugesichert, dass sie das Protokoll der Gesamtkonferenz erhalten solle, aber bisher noch nicht hat. Worauf Guinet ihr in großer Runde versicherte, dieses weiterzuleiten. Auch kamen seitens Schüler und Eltern immer wieder Anschuldigungen gegen die Schulleitung ins Gespräch. So würden beispielsweise E-Mails nicht beantwortet oder die Schüler auf Grund Zeitmangels am Zimmer des Direktors abgewiesen. „Ich versichere, meine Tür steht immer offen“, wiederholt Guinet in diesem Zusammenhang des Öfteren. Die Situation zwischen Schülern wie Lehrern sei mittlerweile kaum zu ertragen, wie es von verschiedenen Lehrkräften und Schülern zu vernehmen ist. So werde den Schülern als auch Pädagogen mittlerweile angeraten, nicht alleine die Schulleitung aufzusuchen. 

Ebenso seien Schüler und Eltern immer noch verunsichert, was das System der „Verbänderung“ an Vor- als auch Nachteile mit sich bringe. Genauso die Tatsache, dass der jeweilige Leiter der Leistungskurse (LK) nicht mehr frühzeitig im Vorfeld genannt werden solle. „Wir wählen doch die Fächer, nicht die Lehrer“, erklärt Philipp Hartmann, Schüler der EGS. In Dieburg als Beispiel wähle man das Fach und den Lehrer. „Weshalb geht es da?“

Zwischenzeitig – nach all den Gesprächen – läutet plötzlich auch noch der Feueralarm. „Das ist bestimmt Absicht, damit der Streik aufgelöst wird“, amüsieren sich hierbei einige Schüler als auch Lehrer.

Auch seien die Schüler aufgefordert worden, einen Schulpsychologen aufzusuchen. Weshalb, sei sogar den Schülern unklar gewesen. „Der wollte nur Infos von uns.“ ärgert sich Philipp Hartmann. So habe dieser das Protokoll an die Schulamtsleiterin Susann Hertz weitergeleitet. „Wo bleibt da die Schweigepflicht?“ hinterfragt Emily Langwieler. 

Schlimm finden auch viele, dass „manche Personen auf ein Podest gehoben werden“. „Der Feind“ höre immer mit.

Allerdings gebe es auch gute Nachrichten. Moritz, Schüler der EGS, habe vernommen, dass eine zukünftige Zusammenarbeit zwischen Wehde und der Schulleitung nicht ausgeschlossen sei, sollte dieser wieder zurück kommen. „Von Herrn Guinet weiß ich, dass er dies nicht ausgeschlossen hat“, erklärt der junge Mann. „Die Lehrer wollen ihn auch alle wieder zurück.“ Clarissa Yigit

Foto: Clarissa Yigit

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